|
|
|||||||||||||||||
| „Autismus ist wie ein Kreuzworträtsel“ sagte Dr. Bernard Rimland, über Jahrzehnte
bekannter Autismusforscher aus San Diego, USA. Dass er damit sehr wohl Recht hat, wissen
wir vermutlich alle. Man kann die Behinderung auch mit einem Puzzle vergleichen, wo man
das Bild erst dann erkennen kann, wenn alle oder zumindest ein großer Teil der Puzzle-Teilchen
zusammen gefügt sind. Noch sind nicht alle Buchstaben des „Kreuzworträtsels Autismus“ oder
alle „Puzzle-Teilchen“ desselben bekannt, aber in den letzten Jahren wurden es immer mehr,
sodass das Bild langsam, aber sich immer klarer wird.
Nachdem wir uns in den letzten 7 Ausgaben vornehmlich über biomedizinische Ansätze für
autistisch Behinderte berichtet haben, konnte WIR ELTERN mit dazu beitragen, dass Eltern
autistischer Kinder im deutschsprachigen Raum ein verständlicheres Bild vom Autismus ihrer
Kinder bekommen konnten. Als Fortsetzung unserer Berichterstattung der 13. Ausgabe
(in unserem Archiv nachlesbar) berichten wir heute über Therapiemaßnahmen, die auf den
ersten Blick gar keinen biomedizinischen Background haben. Im letzten Teil unserer
Ausführungen werden wir jedoch den Bezug zur Biomedizin erläutern und Ihnen Tipps geben,
wie Sie die Vorschläge in der Praxis umsetzen können. |
|||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||
Biomedizin und intensives VerhaltenstrainingUnsere Kinder brauchen ein effektives Gesamtkonzept |
|||||||||||||||||
| Aus der 13. Ausgabe: Warum Kinder sich autistisch verhalten ...
Wir gehen davon aus, dass Sie die Beiträge aus unserer 13. Ausgabe zum Thema „Warum Kinder sich autistisch verhalten ...“ gelesen haben. Ansonsten sollten Sie dies tun, bevor Sie diesen Beitrag lesen. Wir haben in diesen Beiträgen Veröffentlichungen von Prof. Dr. Shattock (Sunderland, England) aufgegriffen und dabei festgestellt, dass vor allem das gestörte Zusammenspiel der Neurotransmitter im Körper unserer autistisch behinderten Kindern dafür verantwortlich sein dürfte, dass sich die Kinder autistisch verhalten bzw. dass sie autismustypische Defizite und Lernschwierigkeiten haben. Die Antwort darauf, was man aus biomedizinischer Sicht (nach dem heutigen Kenntnisstand) dagegen tun kann, haben wir in der 13. Ausgabe bereits gegeben, jedoch auch darauf hingewiesen, dass ergänzende Maßnahmen notwendig sind, um das Zusammenspiel der Neurotransmitter wieder zu fördern. Da wir darauf unseren Lesen eine Antwort schuldig geblieben sind, holen wir dies heute nach. Dieser Beitrag hätte der Leitartikel unserer 14. Ausgabe WIR ELTERN werden sollen. Aus den bereits bekannten Gründen kam es leider nicht mehr zum Druck dieser Ausgabe, weshalb wir diesen Beitrag als einen der ersten in unserer neuen Website WIR ELTERN ONLINE veröffentlichen. |
|||||||||||||||||
Heilung durch ein gutes Gesamtkonzept? |
|||||||||||||||||
| Am 29. September 2001 fand – wie wir in der 11. Ausgabe berichteten – in Eppelheim bei Heidelberg die erste Autismus-Fachtagung mit ausschließlich biomedizinischen Themen statt. | |||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||
ABA = Applied Behavior Analysis |
|||||||||||||||||
|
„Applied Behavior Analysis“ heißt übersetzt „Angewandte Verhaltensuntersuchung“ oder kurz gesagt „die Wissenschaft der guten Lehrmethode“. So gesehen ist ABA eigentlich gar keine spezielle, für autistisch behindere Kinder entwickelte Methode, sondern verfügt über eine über 50 Jahre alte Tradition und Erfahrung. Nun wissen wir jedoch als Eltern autistisch behinderter Kinder doch alle, dass unsere Kinder nicht so lernen wie gesunde Kinder. Dass autistisch behinderte Kinder jedoch grundsätzlich sehr lernfähig sind, dafür erbrachte ein Mann mit seinem Team den Beweis, dessen Name für eine ähnliche Therapieform steht, welche oft mit ABA gleich gesetzt wird: |
|||||||||||||||||
Dr. Ivar Lovaas und sein erfolgreicher Therapieansatz |
|||||||||||||||||
|
Mitte der 1980er Jahre entwickelte Dr. Ivar Lovaas zusammen mit seinen Mitarbeitern und Kollegen an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (USA), kurz UCLA genannt, ein Therapiekonzept (UCLA Young Autism Project) für autistisch behinderte Kinder und Jugendliche, welches einen erstaunlichen, wenn nicht sogar schier unglaublichen Erfolg hatte. Dies alles wurde wissenschaftlich dokumentiert (Lovaas (1987) bzw. McEachin, Smith & Lovaas, (1993)) und veröffentlicht. Lovaas bemühte sich dabei, den strengen Regeln der Wissenschaft Genüge zu tun. So gab es neben der Gruppe von Kindern, die nach seinen Therapieansätzen behandelt wurden, zwei Kontrollgruppen, wobei die Kinder der einen Kontrollgruppe mit den gleichen Methoden, jedoch wesentlich weniger intensiv behandelt wurden. Während der zwei Jahre, in der diese Studie lief, wurde alles auf Video dokumentiert. Die Untersuchungen bzw. Diagnosen, welche Aufschluss darüber geben sollten, über welches Potential die Kinder verfügten bzw. welche Fortschritte sie gemacht haben, wurden von Außenstehenden durchgeführt, um Manipulationen zu vermeiden. Es gibt noch andere Merkmale dieser Studie, die Fachleute zu dem Schluss kommen lassen, dass diese Studie das Prädikat „wissenschaftlich“ verdient hat. Entnehmen sie weitere Informationen dazu zum Beispiel der Website http://www.verhalten.org/autismus.html. |
|||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||
|
Eine Gruppe von 19 noch relativ sehr jungen Kindern mit Autismus (3 Jahre oder jünger zu Beginn der Studie) hatte zwei Jahre lang eine sehr intensive Verhaltenstherapie von ca. 40 Stunden pro Woche bekommen. Davon zeigten nach zwei Jahren fast die Hälfte (9) starke Verbesserungen, 8 zeigten einige Verbesserungen und lediglich zwei Kinder zeigten keine oder lediglich geringe Verbesserungen. 40 Kinder aus den Kontrollgruppen bekamen hingegen 0 bis 10 Stunden Verhaltenstherapie pro Woche. Das Ergebnis war wesentlich ernüchternder: Von den 40 Kindern zeigte lediglich ein Kind starke Verbesserungen, 18 Kinder zeigten einige Verbesserungen, während 21 Kinder kein oder nur geringe Verbesserungen zeigten. Wie bereits erwähnt, wurden 1993 nochmals Ergebnisse publiziert, indem man schaute, was aus den Kindern geworden sei. Die 9 „Spitzenreiter“ aus der Experimentalgruppe konnten reguläre Klassen erfolgreich abschließen und waren nicht mehr von Mitschülern auseinander zu halten. Dies betraf nicht nur den ermittelten Intelligenzgrad, sondern auch Merkmale wie Anpassungsfähigkeit, emotionalen Funktionen und vor allem die Sprachfähigkeit. Von den Kindern aus dieser Intensiv-Therapie-Gruppe, welche nur einige Verbesserungen gezeigt hatten, waren nach wie vor Fortschritte zu erkennen. Bis auf zwei Kinder entwickelten alle funktionale Sprache. Die Ergebnisse der Studie zeigen zwei sehr interessante Feststellungen: 1.) Die Studie beweist, dass autistisch behinderte Kinder grundsätzlich viel mehr lernen können, als man dies für möglich hält. Dabei spielt offensichtlich der Umfang der Therapie- und Trainingsmaßnahmen die entscheidende Rolle (40 Stunden pro Woche). 2.) Dass die Quantität und nicht die Qualität der Maßnahmen für diesen Erfolg entscheidend gewesen war, zeigen die Ergebnisse der Kontrollgruppe, wo bei gleicher Therapiemethodik, jedoch mit einem wesentlich geringeren Umfang die Ergebnisse eher bescheiden ausfielen. Befürworter der Verhaltenstherapie führen immer wieder ins Feld, dass diese eine wissenschaftlich fundierte Therapiemethode sei. Wenn jedoch diese wissenschaftlich fundierte Therapiemethode dann bei unserem eigenen Kind augenscheinlich nur sehr dürftige Fortschritte bringt, dann werden wir darüber belehrt, dass Autismus eben unheilbar sei. Ist dies wirklich so? Eines fällt doch auf: Wenn autistisch behinderte Kinder in Deutschland früher als auch noch heute Verhaltenstherapie erhielten bzw. erhalten, dann geschieht dies in der Regel in einem Umfang, der mitunter noch unter dem liegt, welchen die Kinder der Kontrollgruppe erhalten hatten. Stellt sich angesichts der Ergebnisse von Lovaas und Kollegen doch unweigerlich die Frage: „Weiß man es hierzulande nicht besser oder will man uns Eltern für dumm verkaufen?“ Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass die Autismus-Fachleute hierzulande noch nichts von LOVAAS gehört haben. Wenn man sich jedoch nur oberflächlich damit beschäftigt hat, dann kann man auch gerne die Argumente von Lovaas’ zahlreichen Kritikern aufnehmen, die versuchten, seine Ergebnisse in Frage zu stellen. Nichts gegen eine gepflegte, akademische Diskussion, auch über die Ergebnisse von Studien. Aber Tatsache ist doch, dass unsere Kinder ganz wenige Chancen haben und wenn der Ansatz nach LOVAAS nur ein Strohhalm wäre, dann darf so etwas nicht totgeschwiegen werden. Dabei ist der Ansatz von LOVAAS nach den Erkenntnissen, die wir aus der Biomedizin in den letzten Jahren gewinnen konnten, durchaus nachvollziehbar. Sicherlich sind die Zusammenhänge in unserem Körper so komplex, dass man sie nicht mit einigen Worten erklären kann. Jedoch ist zwischenzeitlich hinreichend bekannt, dass der Körper und seine Systeme bei intensivem Training sehr anpassungsfähig sind. Offensichtlich lässt sich, das beweisen die Ergebnisse von Lavaas, auch das (gestörte) Zusammenspiel der Neurotransmitter grundsätzlich therapieren, wobei wir an unsere Ausführungen aus der 13. Ausgabe anknüpfen können. Nun sind leider aber 40 Stunden Therapie pro Woche eigentlich nicht zu schaffen, wenn man nicht sehr reich ist und sich genügend Mitarbeiter leisten kann oder wenn man als Eltern eines autistisch behinderten Kindes nicht über einen besonders starken Willen und ein besonders starkes Energiepotential verfügt. Solche Eltern sind, auch wenn der Redaktion eine Mutter bekannt ist, die die Strapazen der LOVAAS-Programme bis dato tapfer aufgenommen hat, eher die Ausnahme. Auch wenn die Therapie als Heimprogramme mit angelernten Hilfskräften (Lovaas setzte dazu Studenten der UCLA ein) durchgeführt werden kann, so stellen 40 Stunden pro Woche doch einen unheimlich großen Zeitaufwand dar. Neben den Kosten für die Supervision müssen auch diese Hilfskräfte bezahlt werden, was auch nicht jede Familie leisten kann, weil viele Kostenträger die Erstattung im Wege der Eingliederungshilfe für Behinderte verweigern (darüber später mehr). Deshalb stellt sich die Frage: |
|||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||
|
Eine sichere Antwort darauf wissen wir leider nicht, denn bisher sind keine Studien bekannt, die mit einem geringeren Zeitaufwand die gleichen Ergebnisse erreicht hätten. Wenn Sie jedoch bisher unsere Berichterstattung über biomedizinische Erkenntnisse verfolgt haben, die in den letzten Jahren bekannt geworden sind, dann wissen Sie, mit welchen Hindernissen unsere Kinder kämpfen müssen, die aber mit biomedizinischen Ansätzen gelindert oder aus dem Weg geräumt werden können. Bitte beachten Sie, dass die erfolgreichen Kinder von Lavaas’ Studie keine biomedizinischen Hilfen bekamen, die unseren Kindern heute zur Verfügung stehen. Von da her wäre es logisch, dass durch den Einsatz von biomedizinischen Therapieansätzen die Anzahl der notwendigen Stunden reduziert werden würde, da die körpereigenen Hindernisse, die es zu überwinden gilt, kleiner werden. Erfolgreich ist nur ein individuell auf den Betroffenen abgestimmtes Gesamtkonzept, was wir schon unzählige Male betont haben. Dies beweisen nicht zuletzt die Berichte der Kinder, die es offensichtlich geschafft haben, die Anzeichen des Autismus wieder zu verlieren. Leider hört das Schubladen-Denken immer noch nicht auf, obwohl doch jedem Therapeuten klar sein müsste, wie beschränkt die Möglichkeiten jeder Therapie (für sich allein) für autistisch Behinderte doch augenscheinlich sind. Vielen Professionellen geht es offensichtlich nur noch um Autismus-Management, also die Auswirkungen der Behinderung in Grenzen zu halten. Es liegt daher an uns Eltern, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, soweit uns dies möglich ist. Seit den Studien von Lovaas ist einige Zeit vergangen, wobei alternative Techniken entwickelt worden sind. Dies ist der Übergang zu unserem nächsten Thema:
|
|||||||||||||||||
ABA als Trainingsprogramm für autistisch Behinderte |
|||||||||||||||||
|
Wer sich nicht so sehr mit dem Thema beschäftigt, kann oft ABA und LOVAAS nicht auseinander halten bzw. hält es für das gleiche. Wie wir bereits erwähnt haben, sind die ABA-Techniken eigentlich gar nicht autismusspezifisch und viel älter als die von Lovaas entwickelten Trainingsprogramme. Lovaas nutzte dabei die Prinzipien der ABA für seine Trainingsprogramme. Die Trainingsprogramme für autistisch behinderte Kinder, die von Eltern oder auch von Fachleuten einfach als ABA bezeichnet werden, sind daher den LOVAAS-Programmen schon ähnlich, jedoch durch weitere Techniken wie zum Beispiel die des Verbal Behavior Programms erweitert als auch im gedanklichen Aufbau bzw. im theoretischen Background anders als LOVAAS-Programme. Das erste Ziel eines speziellen ABA-Programms für autistisch behinderte Kinder ist es nämlich, dass das Kind die Fähigkeit erlangt bzw. erweitert, sich mitteilen zu können. Auch wenn das Ziel eine aktive, funktionelle Sprache ist (das Kind sagt Keks, wenn es einen Keks haben möchte), so werden nach dem Prinzip der kleinen Schritte zumindest am Anfang der Therapie auch Bruchstücken von Wörter, Zeichensprache oder Gesten akzeptiert (Prinzip des Verbal Behavior Programms). ABA-Experten sehen darin einen großen Unterschied zu LOVAAS, weil mit dieser Strategie es leichter sei, die Motivation des Kindes zu erzielen. Die Kinder, die traditionelle LOVAAS-Programme erhielten, wurden zwar auch darauf trainiert, Sprache zu erlernen, jedoch stand das Element der Kommunikation nicht im Vordergrund (das Kind sollte Keks sagen oder zeigen, wenn es einen Keks gezeigt bekam). Dies führte dazu, dass die Kinder zahlreiche Gegenstände benennen lernten, ohne dass sie den Sinn und Zweck der Übung erkannten. Damit wären auch schon die beiden wichtigsten ABA-Prinzipien angesprochen, die wir jedoch noch etwas näher erläutern möchten: Prinzip der kleinen Schritte Zwei Beispiel als Einleitung: Über Donna Williams haben wir in der Vergangenheit bereits berichtet. Für alle diejenigen, die sie nicht kennen, eine kurze Vorstellung im Telegrammstil: Frau mit Autismus, stammt aus Australien, Wahlheimat Wales, spricht mehre Sprachen und gehört zu den bis dato wenigen autistisch Behinderten, die über ihre Behinderung Bücher und Beiträge geschrieben haben. Man kann sie als so genannte High-functioning-Autistin bezeichnen. SAT 1 strahlte vor Jahren eine SPIEGEL-TV-spezial-Reportage aus, wo sich Donna dahingehend äußerte, dass sie Schwierigkeiten habe, Jemandem zu folgen, wenn dieser sehr schnell spreche. „Nach dem 5. Satz verstehe ich nur noch bla bla bla!“ sagte sie. Wenn sich also Jemand mit Donna unterhalten möchte, so ist es notwendig, dass die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner langsam spricht und zwischen den Sätzen kleine Pausen einlegt. In Baden-Württemberg (als Beispiel) wechselten während der letzten zehn Jahre viele nicht-sprechenden Kinder mit Autismus in Regelschulen bis hin ins Gymnasium, weil die Schulbehörden der Ansicht waren, dass das Kind dem Stoff der Regelschule durchaus folgen könne. Ohne eine Begleitperson wäre dies jedoch in keinem Fall möglich gewesen. Dabei ist der Schulbegleiter weder ein Hilfslehrer noch dient er für die FC-Schreiber allein als Stützer. Eine der Hauptaufgaben eines Schulbegleiters ist es, als Moderator für seinen Schützling tätig zu werden, weil autistisch Behinderte nun mal Schwierigkeiten haben, komplexe Vorgänge (so sie nicht geübt sind) so schnell zu begreifen wie gesunde Kinder. Die Anweisung des Lehrers „Wir nehmen das Deutschbuch aus der Tasche, schlagen es auf und lesen auf Seite 34 ab dem 5. Absatz … „ kann unter Umständen bereits zu komplex für ein autistisch behindertes Kind sein, wohingegen es grundsätzlich keine Schwierigkeiten hat, die Lerninhalte aufzunehmen und zu speichern. Diese beiden einfach gelagerten Beispiele verdeutlichen ein grundsätzliches Problem, unter denen autistisch Behinderte leiden: Komplexe Vorgänge – so sie nicht geübt sind – überfordern das Kind. Das ABA-Konzept greift hier ein und ist im Grunde genommen sehr einfach: |
|||||||||||||||||
|
Lernschritte werden in kleinste Teile zerlegt und nacheinander unterrichtet bzw. geübt. |
|||||||||||||||||
|
Das Kind wird dabei geschult, wie es trotz seiner Behinderung lernen kann. Die Kunst dabei ist lediglich, zu erkennen, wie man die Lerninhalte für das Kind angemessen zerlegt, um es nicht zu über-, aber auch nicht zu unterfordern. Denn beides wäre absolut hinderlich. Motivation und positive Verstärkung Viele autistisch behinderte Kinder haben eine Reihe von Misserfolgen und schlechten Erfahrungen erlebt, weshalb sie sich oftmals nichts Neues zutrauen, sondern stattdessen viel lieber auf eingeübte Handlungsweisen zurückgreifen. |
|||||||||||||||||
|
Ein wichtiger Bestandteil des ABA-Konzepts ist daher, die richtige Motivation für das Kind zu finden, damit es bereit ist, Neues zu lernen. |
|||||||||||||||||
|
Angemessenes Verhalten muss daher belohnt werden, damit unangemessenes Verhalten zurück geht und schließlich ganz verschwindet. Das Problem in Sachen Motivation ist lediglich das, die geeigneten Verstärker, also die geeigneten Anreize oder Belohnungen zu finden. Gerade, wenn das Kind schon älter ist oder sich bereits im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter befindet, ist es oftmals der Fall, dass es sich um einen geübten Selbstversorger handelt, den man nur mit etwas Besonderem locken kann. Grundsätzlich kann man mit ABA jede Fähigkeit trainieren, wenn man die beiden Grundregeln (Zerlegen in geeignete kleine Schritte und Einsatz geeigneter Motivationshilfen) beachtet. Das ABA-Konzept verlangt daher vom Umfeld des Kindes eine starke Konstanz. Das Kind wird nie oder nur ganz schwer lernen, unangepasstes Verhalten zu ändern, wenn das richtige Verhalten nur dann und wann einmal trainiert wird und ansonsten das unangepasste Verhalten toleriert wird. Aus vielen Jahren Forschung in Sachen „Richtiges Lernen“ ist bekannt, dass es weniger effektiv ist, unangemessenes Verhalten zu bestrafen als vielmehr angemessenes Verhalten zu belohnen. Auch dies ist ein ABA-Prinzip. Wie wenig abschreckend selbst schärfste Strafmaßnahmen sein können, zeigt ein kleiner gedanklicher Ausflug in die Kriminalgeschichte. Im Mittelalter, als man Diebe noch öffentlich hingerichtet hat, gab es bei solchen Spektakeln die größte Anzahl von Taschendiebstählen. Dass es dem Staatswesen aller Nationen bisher nicht gelungen ist, auf Strafgesetze zu verzichten, scheiterte leider daran, dass die bessere Alternative „Belohnung für angemessenes Verhalten“ für den potentiellen Straftäter nur die ist, sich nicht dem Risiko der Strafverfolgung auszusetzen. Je kleiner dieses Risiko wird oder für den Straftäter erscheint, umso kleiner wird dann automatisch auch der Anreiz für das richtige Verhalten. Hat jedoch zum Beispiel ein resozialisierter Dieb erst einmal die Erfahrung machen können, wie gut es ihm mit ehrlicher Arbeit (also mit angemessenem Verhalten) geht, dann wird er es sich zweimal überlegen, nochmals zu stehlen. Bleibt diese positive Erfahrung nach dem Strafvollzug aus, dann ist die Gefahr für einen Rückfall groß, trotz der soeben erlebten Erfahrung. Diese Grundprinzipien menschlichen Verhaltens, die das ABA-Konzept beschreibt, finden auch in der Therapie und Erziehung autistisch behinderter Kinder sich wieder, mit all den Vorteilen und all den Problemen. Wenn ich als Elternteil eines autistisch behinderten Kindes dessen (unangepasstes) Verhalten ändern will, dann muss ich für das angepasste Verhalten einen stärkeren Reiz schaffen, um peu-à-peu eine Verhaltensänderung zu bewirken. Dazu muss ich jedoch zuerst verstehen lernen, warum mein Kind so (unangemessen) handelt, welche Reize es dabei spürt (oder auch welche unangenehmen Reize es dabei vermeidet), was also seine Motivation für das Verhalten ist. Lesen Sie dazu den Beitrag im Archiv von WIR ELTERN ONLINE „Mein Kind besser verstehen lernen …“. Solange unser Kind sich uns oder anderen nicht mitteilt oder mitteilen kann, muss hier wohl spekuliert werden. Habe ich eine Antwort darauf gefunden, sollte ich prüfen, ob es für mein Kind Hindernisse gibt, sein bisheriges Verhalten zu ändern. Viele autistisch behinderte Kinder lieben es zum Beispiel, sich bei jeder passenden Gelegenheit auszuziehen. In Gesellschaft anderer kann dies durchaus ein unangebrachtes Verhalten sein. Temple Grandin (ebenfalls High-functioning-Autistin aus den USA) berichtete darüber, dass sie manche Kleider so kratzten (vermutlich auch aufgrund ihrer Überempfindlichkeit im taktilen Bereich), dass sie es kaum aushalten konnte. In diesem Falle sollte ich verschiedene Kleidungsstücke ausprobieren und mein Kind dabei gut beobachten. Unter Umständen muss ich in solchen Fällen meinem Kind Hilfestellung leisten. Das ABA-Konzept spricht dabei von so genannten „Prompts“ (= Hilfestellungen). Wichtig dabei ist, dass das Ziel sein muss, diese „Prompts“ mit der Zeit nach und nach auszublenden, denn schließlich soll es das Kind einmal alleine schaffen. Schließlich muss ich mir überlegen, welche stärkere Motivation für das gewünschte Verhalten dem Kind angeboten werden könnte. Gerade hier ist Kreativität gefragt, die ich nur erreichen kann, wenn ich gelernt habe, möglichst genauso wie mein Kind zu denken und zu fühlen. Um nochmals auf Temple Grandin zurück zu kommen, die Frau, die als kleines Mädchen die Kleider auf dem Leib kaum ertragen konnte: Sie baute sich schließlich eine Maschine, die sie wie ein Schraubstock einschließen und ihr starke Reize im Tiefenempfinden geben kann. Wenn Sie glauben, den richtigen Verstärker gefunden zu haben, dann gefährden Sie einen möglichen Erfolg bloß damit nicht, dass sie zu viele oder zu große Schritte auf einmal machen. Belohnen Sie das Kind am Anfang für Kleinigkeiten und verlangen Sie mit der Zeit langsam, aber sicher mehr. Und denken Sie daran, dass es vermutlich vieler Wiederholungen bedarf, bis das Gehirn ihres Kindes die neuen Ergebnisse dauerhaft gespeichert hat. |
|||||||||||||||||
Die Umsetzung in die Praxis |
|||||||||||||||||
|
WIR ELTERN hat einen Grundsatz: Wir wollen nicht über die Verfahren berichten, über die es bereits genügend andere deutschsprachige Literatur oder Quellen gibt!“ Aus diesem Grund haben wir diesen beiden Themen (LOVAAS und ABA) auch nur soweit behandelt, als dass es im Rahmen unseres Themas (erfolgreiches Gesamtkonzept) notwendig gewesen war. Wenn Sie sich ausführlich über diese beiden Verfahren informieren wollen, dann geben wir Ihnen am Schluss dieses Beitrags Hinweise, wo sie weitere Informationen finden können. Wie aber sieht die Umsetzung in der Praxis aus? Leider geben auch die von uns erwähnten Quellen aus verständlichen Gründen keine Hinweise darauf, wie sie zum Beispiel die Therapiemaßnahmen finanzieren können. Aus diesem Grund machen wir dies für Sie: Egal, ob Sie mit ihrem Kind Trainingsprogramme nach LOVAAS oder nach den Prinzipien der ABA durchführen lassen wollen, so wird dies zunächst einmal Geld kosten, denn Sie müssen die Kosten für die Programme aber insbesondere die Kosten für die „Hilfs-Therapeuten“ (die Menschen, die die Programme mit ihrem Kind durchführen) finanzieren.. Da beide Ansätze hierzulande noch relativ unbekannt sind, brauchen Sie Glück, wenn die Krankenversicherung die Kosten übernimmt. Sollten Sie zu den Glücklichen gehören (was schon vorgekommen ist), dann wird dies vermutlich jedoch nur im Rahmen einer Einzelfallentscheidung der Fall sein. Andere Eltern können sich darauf nicht berufen. Das Gesetz sieht für solche Fälle eine Auffangmöglichkeit vor, die Eingliederungshilfe für Behinderte. Diese Trainingsprogramme sind nichts anderes als heilpädagogische Maßnahmen, die im Rahmen der §§ 39, 40 BSHG in Verbindung mit § 55 SGB IX übernommen werden können. Dabei ist es nach herrschender juristischer Meinung unerheblich, welche Qualifikation die Therapeuten haben, wenn sie nur dazu geeignet sind, die Maßnahmen richtig durchzuführen (vgl. Kommentar von Schellhorn und Schellhorn zum BSHG). Dies ist ganz wichtig, denn Sie werden für die Trainingsprogramme angelernte „Hilfs-Therapeuten“ benötigen, die keinesfalls eine therapeutische Ausbildung haben müssen. Das kann also die Nachbarin von gegenüber oder eine Studentin oder vielleicht auch ein Zivildienstleistender sein, wenn sie oder er in der Lage ist, die Trainingsprogramme richtig durchzuführen. Wichtig ist, dass Sie bei ihrem Antrag beim zuständigen Jugend- oder Sozialamt gut begründen. Lassen Sie sich vielleicht vorher juristisch beraten, das ist unter Umständen billiger, als wenn Sie vor das Verwaltungsgericht gehen müssen, um ihren Anspruch einzuklagen. Bitte denken Sie jedoch daran, dass der Rechtsanwalt in der Regel kein Autismus-Faschmann ist und er deshalb Material braucht, um sich einlesen zu können. Wählen Sie das Material jedoch sorgfältig aus und übergeben Sie Ihrem Anwalt nicht stapelweise Papier. Er wird nicht die Zeit haben, alles durchzulesen, denn auch ein Jurist muss wirtschaftlich denken. In der Kürze liegt also die Würze. Wenn Ihr Kind bereits eine Autismus-Therapie erhält, wäre es natürlich am günstigsten, wenn der Therapeut diese Intensiv-Trainingsprogramme befürwortet, am besten schriftlich (als Unterstützung für den Antrag). Sprechen Sie mit dem Therapeuten oder der Therapeutin darüber und bieten Sie ihm oder ihr an, dass sie die Programme koordinieren und die Fortschritte überwachen kann. Machen Sie sich rechtzeitig Gedanken, wer sie als „Hilfs-Therapeuten“ dabei unterstützen könnte. Wenn Sie – wie bei Lovaas – das volle 40-Stunden-Programm in Angriff nehmen wollen, dann wird dies Ihrem Kind sicherlich gut tun, aber allein schaffen Sie dies nicht lange. Selbst bei der Reduzierung auf die Hälfte (was in ihrem Ermessen liegt), wäre dies schier undenkbar. Denken Sie an die Zukunft: Es bringt weder Ihnen, Ihrer Familie noch Ihrem autistisch behinderten Kind etwas, wenn Ihre Kraft in ein paar Monaten oder in ein paar Jahren am Ende ist. Soweit unsere Ratschläge für die Praxis. Wie bereits erwähnt, können Sie nähere Informationen aus den Quellen entnehmen, die wir Ihnen jetzt gleich nennen. Hier erhalten Sie sicherlich auch Kontakt zu anderen Eltern, die diese Programme durchgeführt haben. Viel Glück dabei! |
|||||||||||||||||
Quellen für weitere Informationen: |
|||||||||||||||||
|