Einleitender Kommentar von Jürgen Greiner zur WE-Best-of-Ausgabe "DIE BETROFFENEN HABEN DAS WORT"

Auf ein Wort ...

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist meine feste Überzeugung, dass die wirklichen Probleme autistisch behinderter Menschen für Gesunde nahezu unvorstellbar sind. Auch ich nehme mich da nicht aus, wenn ich mich wieder einmal dabei ertappe, dass ich meinen Sohn so behandle, als habe er diese Wahrnehmungsstörungen nicht.

Damit wir allen autistisch behinderten Menschen endlich gerecht werden, ist es unbedingt notwendig, dass wir uns ihre Störungen zumindest annähernd vorstellen können. Nur dann können wir darauf reagieren. Wenn zum Beispiel eine so intelligente, aber halt autistisch behinderte Frau wie die Donna Williams berichtet, dass sie einfach ein Vielfaches der Zeit braucht, um eine Rede verstehen zu können, weil sie ansonsten nur noch bla bla bla versteht, dann müssen wir Gesunde uns darauf einstellen.

Ansonsten wird sich der - meines Erachtens falsche, aber leider von der Fachwelt hier und da immer noch gepflegte - Eindruck bestätigen, dass diese Menschen geistig behindert seien. Jeder, der wie ich leidlich eine oder mehrere Fremdsprachen spricht, der kennt den Unterschied, ob man die fremde Sprache liest oder ob man sich mit einem anderen Menschen in dessen Muttersprache unterhält und dabei unserer Gegenüber eine Geschwindigkeit an den Tag legt, der es einem unmöglich macht, alles zu verstehen. Wenn ich zum Beispiel im Urlaub ein Gespräch unter Franzosen verfolgt habe, dann habe ich mit viel Glück erahnen können, über was sie sich unterhalten. Wenn sich diese Menschen mit mir unterhielten, dann war plötzlich eine ganz andere Konversation möglich, weil sie sich auf mich einstellten.

Wenn wir es schaffen, uns auf autistisch behinderte Menschen einzustellen, dann erfordert dies von uns nicht viel. Aber diesen Menschen wird es unheimlich viel geben, weil sie dann ihre vorhandenen Fähigkeiten einsetzen können.

Wir haben in diesem Heft vier autistisch behinderte Menschen zu Wort kommen lassen. Leider können sich nur wenige der autistisch Behinderten so explizit über ihre Behinderung äußern, sodass wir über diese wenigen Beispiele sehr froh sein dürfen. Sicherlich sind nicht alle autistisch Behinderten gleich, was schon unsere Beispiele belegen werden. Trotzdem geben sie uns sehr gute Anhaltspunkte, welches Störungen oder Probleme der autistisch behinderte Mensch, mit dem wir zu tun haben, haben könnte.

Autistische Menschen verstehen lernen ist unsere erste Pflicht. Wir haben deshalb uns in unserer ersten Best-of-Ausgabe diesem Thema ausschließlich gewidmet. Wir hoffen, dass die hier abgedruckten Botschaften irgendwann einmal auch die ewig gestrigen Fachleute erreicht, die es leider auch heute noch sehr zahlreich gibt. Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne viel Freude bei der Lektüre.

Jürgen Greiner